Witalij w. Pathjukow
Gerold Hirns metaphysischer Körper

Das 20. Jahrhundert geht zu Ende. Es wird Nacht auf der Welt. Aus der Daemmerung loesen sich vielerlei geheime und zugleich universelle Geisteswelten. Die Lichtstrahlen mutieren zum Spektrum, werden kompliziert gebrochen und bekommen phantastische Faerbungen. Die Nacht loest den eintoenig-nuechternen Tag ab. Die Kunst ist von Geheimnissen umwoben und vermittelt eine ueberirdische Sehkraft. "Minervas Eule fliegt aus der Daemmerung", sagte Hegel gerne. Nur wenigen Kuenstlern gelingt es, diesen einzigartigen Zustand der Zeit wiederzugeben, wenn sich eine historische Idee erschoepft und eine metaphysische erblueht, wenn die gefraessige Raupe der Zivilisation verschwindet und ihre unsterbliche Seele ñ die Kultur ñ ploetzlich emporsteigt. Das Werk Gerold Hirns ist gaenzlich diesen Sinnbildern, diesem einzigartigen Zeitabschnitt in der Geschichte zuzuordnen, in dem sich die metaphysische Sensibilitaet fuer die letzten Fragen des Daseins oeffnet. Die Tiefe seiner Arbeiten ist voller Gaerungsfermente, welche die destillierte Fluessigkeit des monotonen Zeitlaerms durchdringen. "Wasser wird zu Wein", eine wundersame Verwandlung.
Die Beruehrung mit dem Geheimnis ist dem Schaffen des Kuenstlers Gerold Hirn evident. Daher ruehrt auch sein Forschen ñ Gnostizismus, Hermetismus, Magie und Metaphysik. Das Leben des Kuenstlers ist mit seinem Werk untrennbar verbunden, es ist nicht weniger geheimnisvoll als seine Kunst und ist reich an raetselhaften Zeichen und mystischen Begebenheiten. Als Persoenlichkeit und als Kuenstler ist er in zwei Gestalten gleichzeitig verkoerpert: Die eine lebt in einer realen, objektiven Welt, die analysiert und reflektiert, die andere in einer ideellen Welt, deren Geheimnisse uns begeistern. Wenn man von Gerold Hirn spricht, so spricht man von der "Reproduktion der Person", von ihren magischen Metamorphosen, von ihrer Faehigkeit, sich immer wieder zu erneuern, sich selbst zu finden, ihr Leben in Schaffen umzusetzen und so eine unvergaengliche Eigenschaft zu entdecken: den staendigen Beginn neuer Leben. Und wieviele Leben hat Gerold Hirn, der gleichzeitig Kuenstler, Philosoph, Figur des oeffentlichen Geschehens, Sammler und Rechtsanwalt ist, einer, der das Buch der Schicksale zu lesen vermag, einer, der stets von Menschen umgeben ist, die in ihn lieben? Wer ist dieser Mann, der ueber sich selbst hinauswaechst und sich selbst uebertrifft? Er gleicht nichts und niemandem und vereinigt dennoch alles und jeden in sich. Man kann ihn nicht auf seine Intentionalitaet, auf "Erfahrungswerte" reduzieren. Wenn er das Weltbild betrachtet, sucht er Rueckhalt in den Kulturen vor der Renaissance, als eine optische und distanzierte Wahrnehmung der Welt nicht das oberste Gebot war. Die Kompositionen des Kuenstlers bergen trotz der ausgepraegten Rationalitaet ihrer Strukturen eine Welt "jenseits des Spiegels" in sich, doch es genuegt ein einziger Schritt, und man findet sich auf der anderen Seite der Realitaet, auf der anderen Seite der Maternstrukturen wieder, in einer Welt metaphysischer Dimensionen. Sein Instrumentarium umfasst Traeume, Assoziationen, Halluzinationen, die Beleuchtung der fundamentalen Schichten des Unterbewusstseins, wenn der Mensch in einen echten Dialog mit der Welt tritt, wobei er zuweilen gar mit ihr verschmilzt, und in die verborgensten, intimsten Psychosphaeren eindringt. In dieser "disziplinaeren" und "ikonographischen" Vision entsteht eine Gesamtheit von Formen, aendern sich Massstaebe und Masse, und die Metrik verwandelt sich in ein Chronotop. Daher ruehren sowohl der "festliche" Wahnsinn des Kuenstlers, als auch paradoxe Aussagen, die viele ausgepraegte Vorstellungen von Zeit und Raum erklaeren, und gleichermassen eine aufreizende Exzentrizitaet, eine aufsaessige und spoettische Spielfreiheit, die alle Normen und Regeln ueber den Haufen wirft und die Seele befreit. Zweifellos ist dieses kuenstlerische System trotz seines metaphysischen Charakters mit der Zeit verbunden. Es wird ein durchgreifender Wandel spuerbar. Feste Lebensformen werden zerstoert, und tiefgreifende Veraenderungen gehen vor sich. Allein schon die Tatsache, dass diese Veraenderungen stattfinden, ruft ein seltsames, voellig ungewohntes Gefuehl in uns hervor. Die Form, die sich hinter den Gitter- und Spiralmustern des Kuenstlers verbirgt, verliert ihr evolutionistisches Pathos und wird stattdessen durch ein gewisses "Katastrophenbewusstsein" ersetzt, indem sie die semantische Endlosigkeit aufdeckt, in der die Voraussetzungen fuer die Entstehung einer neuen Kosmogonie geschaffen werden. Hier findet sich selbst nichts anderes als die Sprache der Vernichtung, die Vernichtung jeglicher Grenzen, vor allem jener innersprachlichen Grenze, wo Irrationalitaet und Disziplinaritaet aufeinandertreffen. Kanon und Intuition beginnen innerhalb dieses Systems auf einer Ebene zu kreisen, als Einheiten einer und derselben mentalen Energie, indem sie Assoziationsketten erzeugen und in einer synkretischen Sektion einen "lebendigen" Raum mit einem Text verbinden. Hier entsteht eine neue Mythologie, in der das poststrukturalistische Massenbewusstsein einen sakralen Charakter annimmt und ein alter Mythos weiterlebt ñ der Mythos von der Welt als Buch, wo Schriftzeichen unmittelbar auf die Erde gezeichnet werden. Das ist zweifelsohne eine Poetik der ewigen und unveraenderlichen Lebensgrundlagen, die wie eine Katharsis Chaos und Folgelosigkeit ueberwinden ñ doch diese Poetik fuehrt letzten Endes zu hoechst positiven und konstruktiven Ergebnissen.
In den Werken Gerold Hirns erscheint die Ewigkeitskomponente in einer rhythmischen Wiederkehr derselben Motive, derselben plastischen Situationen und archetypischen Formen, die Quadrat und Spirale erzeugen koennen ñ die aeltesten Darstellungen von Kosmos und Geschichte, die in unserem Jahrhundert von Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin wiederaufgegriffen wurden. Die Kompositionen von Gerold Hirn, die auf der Moskauer Ausstellung gezeigt werden, verdeutlichen unseren eurasischen Ursprung und zeigen die besondere Topographie Russlands, die sich in Raum und Zeit entfaltet, wo sich Quadrate und Spiralen mit ihren Huellen und Schichten als Landschaft und Geschichte manifestieren. Und in dieser russischen Kombinatorik erraet der Kuenstler unversehens die Topographie von Moskau als symbolische Darstellung des Lebensraums. Der regelmaessige Rhythmus der Rechtecke, die geometrischen Verkreuzungen und Spiralen demonstrieren ein Abbild des Umherirrens, der staendigen Suche nach Lebenswegen und metaphysischen Moeglichkeiten, nach Kreuzwegen und Marschrichtungen, wo sich eine suprematistische Gerade mit der magischen Unregelmaessigkeit reimt, wie man sie bei Bulgakows Meister sieht. Die Matrizen von Gerold Hirn sind eine Anspielung auf das Netz der "Ewigen Stadt", des Dritten Roms, wobei die strukturelle Rhythmik des Moskauer Reliefs zum Vorschein kommt ñ besaenftigt von einer gleichmaessigen architektonischen Anordnung der raeumlichen Grundrisse. Die rationale Geometrie von Gerold Hirn baut den Moskauer Topos auf, in dem Lineal und Zirkel bisweilen machtlos erscheinen, in dem durch fehlende Linearitaet eine spezifische Integralitaet und Ganzheit erzeugt wird und wo ein euklidischer Raum es ganz unvermittelt zulaesst, dass parallele Geraden sich schneiden. Die labyrinthhaften Kompositionen des Kuenstlers zeugen von dem geheimnisvollen, schicksalhaften Charakter der Stadt, von der besonderen Magie dieses Ortes, von dem sakralen Wesen der Landschaft, von der Unmoeglichkeit, Begegnungen vorauszusehen, aber auch von der Bedeutsamkeit gewisser Begegnungen. Sie erzaehlen eine "Moskauer Saga", wobei das innere ICH unmittelbar in eine aeussere Welt hinueberwechselt und sich dabei der rituellen Bedeutung der Handlung unterwirft, in eine Welt, in der sich Beschwoerungen des Eingangs bzw. Ausgangs in eine andere Dimension mit dem Tabu abwechseln, wo der Beginn der Geschichte schon so lange zurueckliegt, dass die Frage, ob die Geschichte ueberhaupt einen Anfang hat, sinnlos wird. Daher ist derjenige Weg, den der Diskurs der Poetik Gerold Hirns einschlaegt, im Grunde genommen weder ein chronologischer noch ein erzaehlender, wo ein Ereignis das andere erzeugt. Hirn interessieren ñ in all seinen Persoenlichkeiten ñ nach den Worten von K. Jung "die Konfiguration zufaelliger Ereignisse im Augenblick der Wahrnehmung schlechthin, und nicht hypothetische Gruende, welche die Zufaelligkeit angeblich verursacht haben sollen." Sein Weltmodell ist nichts anderes als eine psychophysische Struktur, und nicht zufaellig ist die semantische Bedeutung des Familiennamens des Kuenstlers "Hirn". An die Stelle der Wahrnehmung der Zeit als reine Abfolge setzt Gerold Hirn in den modernen Minimalismus und in unser Bewusstsein die Empfindung der "Augenblickhaftigkeit", der "Punkthaftigkeit". In diesem Licht erscheinen die Traditionen der Kultur wie "Begegnungen des Unvereinbaren", wie Energien, die existentielle Diskrepanzen und Grenzen jedweder Erfahrung verbinden, gleich wie die Entschluesselung der Codes, welche die Grundlage der Kunst bilden. Gerold Hirn gelingt es, Sprache zum Objekt zu machen, und zwar mittels der Sprache selbst ñ und hier darf man ihn fuer einen absolut konzeptionellen Kuenstler halten. Das Phaenomen besteht bei ihm darin, dass er die Funktion des Schoepfenden wiederbelebt, der uns nicht nur auf die Ereignisse der aeusseren Welt aufmerksam macht, sondern auch auf Ereignisse, die in dem inneren Raum geschehen, die ihm Anstoss geben.
Was sollen uns die Kompositionen von Gerold Hirn vermitteln? Wir schauen in die Zukunft und fragen uns als Zeitgenossen des Meisters, ob wohl unsere Nachkommen beim Betrachten seiner Gemaelde und Objekte eine Vorstellung von den Menschen unserer Zeit und von unserem Leben bekommen koennen, eine Vorstellung davon, wie wir aussahen, welcher Raum uns umgab. Darueber jedoch sagen die Werke des Kuenstlers nichts Konkretes aus. Sie geben aber demjenigen, der dafuer empfaenglich ist, eine Information ganz anderer Art. Und zwar darueber, wie die Menschen sich selbst von innen heraus gesehen haben. ‹ber ihre Zweifel und ƒngste, Vorahnungen und Warnungen an sich selbst, ueber ihre Selbstironie, durch die sie sich retteten, und schliesslich ueber ihr Gefuehl fuer die kosmische Geschichte, in der wir alle leben. Die Kunst von Gerold Hirn gibt uns die Urbilder unseres Daseins zurueck. Sie hat gelernt, unsichtbaren Dingen einen metaphorischen Koerper zu geben.

Witalij W. Patzjukow, beschäftigt sich mit der vergleichenden Analyse der klassischen Avantgarde und der zeitgenössischen Kunst, Vorstand der „Malewitsch - Foundation“, Mitglied des Koordinationsrates beim Kulturministerium Rußlands, Mitglied des Rates beim Zentrum für zeitgenössische Kunst, Professor für zeitgenössische Kunst.

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