Stanislaw M. Ivanitzky
Die disziplinarische Formel von G.H. und ihre Universalität

Das Schaffen von Gerold Hirn ist ein bemerkenswertes Phaenomen der kuenstlerischen Ausdrucksform unserer Epoche. Seine streng aufgebauten geometrischen Konstruktionen zeugen von aesthetischer Wissbegier und intellektuell-selbstbewusstem Streben nach kuenstlerischer Freiheit. Die von Gerold Hirn geschaffene Welt plastischer Formen verfuegt ueber eine eigene Sprache, deren individueller Charakter von ihm ganz bewusst in mehreren Werkreihen geschaffen wurde. Seine Vorliebe fuer die Variabilitaet dokumentiert in auffallender Weise eine fuer seinen kuenstlerischen Stil wichtige Besonderheit, wie die Symbolik der Aussage eines Autors. Es ist jene Symbolik, die seinen Arbeiten einen hohen Wiedererkennungsfaktor garantiert und ihnen eine klar definierte "Nische" in der Anthologie der modernen Kunst zuweist. Gerold Hirn ist es gelungen, Vertrauen in seine kuenstlerischen "Formeln" zu suggerieren. Dieser fuer jeden Meister glueckliche Umstand erklaert seine grosse Popularitaet in der Kunstszene unserer Zeit. Der Aktionismus ist eine der fuer Hirn prinzipiell wichtigsten Formen der Offenbarung seiner individuellen schoepferischen Ziele. Seine Aktionen bestehen im Wesentlichen in der Praesentation grosser Bilderserien, die von einem gewissen archetypischen Element inspiriert sind. Sobald man aber ein einzelnes Kunstwerk aus der Serie herausreisst, verliert dieses seinen ihm eigentuemlichen organischen Kontext, und seine individuelle kuenstlerische Bedeutung beginnt, sich in den polyphonen Kontext der zeitgenoessischen Weltkunst einzugliedern. Die Fixierung des augenblicklichen Zustands des eigenen kuenstlerischen ICHS in jedem einzelnem Werk erfaehrt als Serie von Werken nicht nur eine raeumliche Bereicherung, sondern auch eine Evolution des Zeitaspekts. So sind die spiralfoermigen Kreise in gewissem Masse verwandt mit organischen Formen, einschliesslich aller fuer diese charakteristischen natuerlichen Wachstumsprozesse. Bei der Entwicklung der plastischen Serienbilder gibt es keine hierarchische Differenzierung, sondern eine kaum spuerbare Variation struktureller Elemente (zum Beispiel suprematischer Figuren oder kreisfoermiger Motive). Daher werden die Figuren in den Bildern von Gerold Hirn als Formen einer kontinuierlichen, sich leise-rhythmisch aufbauenden Handlung eines unvollendeten Prozesses wahrgenommen. Eine solche Deutung der Variabilitaet macht die grossen Bilderserien Gerold Hirns zu einem Experimentierfeld, das der Erforschung seines schoepferischen ICHS dient. Die Nuancen bei der Entstehung einer Formenreihe, die intuitive Entdeckung neuer Formen im Prozess der Schaffung einer solchen Reihe sind eine fuer ihn spannende kuenstlerische Aufgabe. Hirns kuenstlerische Taetigkeit zielt auf die Schaffung raeumlich-plastischer Harmonien ab, welche den Bestrebungen auch anderer Zeitgenossen nach Ausgeglichenheit und Ordnung entsprechen. Ein solcher bildnerischer Anstoss entspringt der ‹berlegung eines Menschen des 20. Jahrhunderts, der von der unbeschraenkten Macht mathematischer Formeln und logischer Folgerungen des wissenschaftlichen Denkens fest ueberzeugt ist, jenes Denkens, das als sein positives Ziel die ‹berwindung des Tohuwabohus und des auf der Welt herrschenden Chaos ansieht. Der Appell an positive Reaktionen des Betrachters ist charakteristisch fuer die schoepferische Arbeitsweise Gerold Hirns. Die Kompositionen in seinen Bildern konzentrieren sich auf einen Mittelpunkt. Das Verhaeltnis der dominanten Formen zum Raum, der diese umgibt, ist eher ausgeglichen als dynamisch. Das erklaert, warum seine Werke fuer die konzentriert-meditative Wahrnehmung und die interessiert-analytische Beobachtung bestimmt sind. Nur unter der Voraussetzung einer solchen meditativen Sehweise der Kunstwerke Gerold Hirns oeffnen sie sich fuer den Beschauer. Fuer zeitgenoessische Kuenstler, die sich den Traditionen der russischen und europaeischen Avantgarde des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts zuwenden, ist das Element der aesthetischen Spielerei ñ eine Art Parodie dieser Tradition ñ von Wichtigkeit. Davon, wie die historische Avantgarde "parodiert" wird, haengt das Mass der Originalitaet der Kreationen eines Kuenstlers und der Neuartigkeit seiner Kunst ab. Gerold Hirn stuetzt sich zwar auf die Tradition, aber er ahmt sie nicht nach. Er geht nach vorn und findet neue Formen und neue Faerbungen ihrer Interpretation. Dadurch, dass er auf surrealistische Hintergruende suprematistische Matrizen oder Motive legt, die eine gedankliche Assoziation mit der urzeitlichen Geometrie von Felsenzeichnungen unvermeidbar machen, schafft er echte, postmodern angehauchte "Palimpseste". Das kuenstlerische Ergebnis waren neue raeumlich-plastische Strukturen. Die Reduzierung des Malerischen - ein nicht wegzudenkender Faktor in den Werken Gerold Hirns - ermoeglicht es, sich deutlicher am Charakter dieser Strukturen zu orientieren, und erhoeht ñ wie jede Vereinfachung ñ die Anschaulichkeit und die Klarheit der bildnerischen Grundidee. Es ist charakteristisch fuer Gerold Hirn, die unterschiedlichen Kulturen als eine Einheit anzusehen, eine Einheit, durch welche oftmals das Phaenomen der zeitgenoessischen Weltkunst - "Westkunst" bestimmt wird. Dieser Kuenstler findet sich mit engen nationalen Grenzen in der Kunst nicht ab. Sein gesamtes schoepferisches Wirken bestaetigt die fuer ihn offensichtliche Tatsache, dass sich kuenstlerische Erfolge nur einstellen, wenn man diese Grenzen ueberschreitet und dadurch eine gegenseitige Bereicherung der unterschiedlichen Kulturkreise erreicht wird. Anlaesslich dieser Ausstellung demonstriert Hirn neue Wege - eine begeisterte Auseinandersetzung mit der Kunst - nicht nur mit der westlichen, sondern auch mit der russischen Avantgarde (hauptsaechlich der Malewitschs). Dieser intensive Dialog der russischen und der europaeischen Avantgarde legt in seinem Schaffen den Grundstein fuer eine lebhafte Verbindung zwischen der Kunst verschiedener Laender und wird vermutlich eine der beachtenswertesten Besonderheiten dieses grossen Meisters waehrend dieser Ausstellung sein.

Stanislaw M. Ivanitzky, Leiter der Abteilung für zeitgenössische Malerei der Staatlichen Tretjakow-Galerie, Moskau; Leerstuhl für Kunsttheorie und Kunstgeschichte am Strogranow-Institut für Kunstgewerbe, Verfasser zahlreicher Veröffentlichungen über die Geschichte der klassischen russischen Kunst und der Avantgarde, Kurator der Tretjakow-Galerie, lebt in Moskau.