Michael Köhlmeier
Besuch im Atelier

Einem traurigen Mann bin ich begegnet. Und habe mich gewundert. Licht fällt in den ehemaligen Lebensmittelmarkt in Tosters, aber keine Bilder von draußen dringen herein. In die Fenster ist Milchglas eingesetzt. Nicht die Natur, nicht die Welt – der Zufall ist der Pate der Inspiration. Als ob in Natur und Welt kein Zufall herrscht.

Der Maler vertraut dem Material. Was geschieht, wenn Industrielack auf Öl trifft oder auf Holzbeize?

Der traurige Mann verzichtet auf sein Mittagessen; er schlüpft aus seinem Anwaltsanzug, macht sich nackt und beginnt zu malen. Ätzende Flüssigkeiten kommen mit seiner Haut in Berührung. Der Umgang mit dem Zufall ist eine Kunst, noch nicht die Kunst. Der Mann provoziert den Zufall, lockt ihn. Der Zufall hat eine zuverlässige Seite – er gehorcht den Naturgesetzen, er pflanzt sich in unerbittlicher Kausalität fort. Wie kann dieser Prozess gestoppt werden? Wann wird er gestoppt? Wie kann dieser Prozess in Gang gesetzt werden? Wie kann er gelenkt werden? Kann er überhaupt gelenkt werden?

Alle Malerei ist Farbe und Form. Nicht mehr. Und nicht weniger. Wie der Betrachter Farbe und Form interpretiert, ist eine andere Sache. Diesbezüglich reiht sich der Maler – der Schöpfer – in die Reihe der Betrachter ein. Nur ist der Betrachter in einer passiven, der Künstler in einer aktiven Rolle. Der Künstler sagt: Jetzt reicht es, jetzt bin ich am Ende angekommen, an meinem Ende. Der Betrachter kommt nie ans Ende. Bei Kunst kommt er nicht ans Ende. Wenn der Maler den Umgang mit dem Zufall beherrscht, ist Kunst entstanden. Er weiß nicht mehr als der Betrachter. Und keiner staunt über das Werk mehr als er.

Ich habe einen traurigen Mann kennen gelernt. Er führt ein diszipliniertes Leben. Er verteidigt seine Kundschaft vor Gericht, er trinkt, er malt. Er tastet sich durchs Internet auf der Suche nach Formen. Er findet Formen, wie sie die Natur zum Beispiel in den Granatapfel gelegt hat. Er druckt die Bilder aus, kopiert sie, lässt sich nach ihrer Vorlage eine Schablone schneiden und malt oder wischt und schüttet darüber. Er sorgt sich ums Geld. Und hat doch so viel. Er fürchtet, es könnte ihm nicht gelingen, die Generationen, die auf ihn folgen, zu sättigen. Als wäre das Gewicht der Welt auf ihn geladen worden. Er fühlt sich als Ingredienz des Zufalls, des großen Zufalls Leben; und er will den Pinsel dieses unerbittlichen Meisters lenken, wie er in seinem Atelier, nackt und hungrig, den Zufall lenkt, den er sich selbst erschaffen hat.

Welche Farben und Formen entstehen, wenn man das eigene Blut aufträgt – vermischt mit Industrielack, mit Beize, mit Öl oder anderen färbenden, manchmal schmerzend ätzenden Flüssigkeiten? Der Mann trägt eine Krankheit in sich, die ihn zwingt, sich immer wieder Blut abnehmen zu lassen. Das Blut nimmt er mit in sein Atelier. Was ihm der große Zufall Leben mitgegeben hat, setzt er ein, um gegen die unerbittliche Kausalität des Meisters anzutreten.

Das ist Sisyphosarbeit und Heraklesarbeit. Hundert Bilder entstehen in einem Jahr. Die Kunst macht ihn glücklich und traurig. Gerold Hirn heißt der Mann.

Michael Köhlmeier, Studium der Politikwissenschaften, Germanistik, Mathematik und Philosophie, zahlreiche Romane, Hörspiele und Drehbücher, Komponist, Liedtexter und Musiker. Zahlreiche Preise und Ehrungen. Lebt und arbeitet in Hohenems.

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