Marga Svoboda
Im Rausch der Stille

Das war einmal ein Supermarkt. Jetzt stehen, liegen, hängen, sitzen Bilder herum. Die Scheiben sind blind. Ausgesperrter Tag. Fällt draußen ein Fahrrad um? Fällt eine Frau vom Rad? Höchstwahrscheinlich hat sie einen HIRN daheim. Im Großraum Feldkirch so natürlich wie ein Kruzifix.

Manchmal fällt Hirn um. Einfach so. Kann es der Blutdruck sein oder sonst eine Allüre des Körpers, der noch im Greisenalter Züge und Konturen eines seltsamen Kindes haben wird. Die dürre Gestalt des achtzehnjährigen Pfadfinders, mit allem Elend und allen glücklichen Exzessen, die damals noch kommen wollten, das bin ich. Sagt Gerold Hirn. Immer ich.

Das gestanzte Kunststoff-Tischset für einen Gartentisch, zum Krüppel lackiert, taucht in einem Bilder-Zyklus serienmäßig als Schablone auf. Retro-floral wie ein Kleiderstoff für 2012. Böse Blumen, wenn sie so ins Schwarze gehen. Wie so ein Bild den neuen Salon eins kaputt gelebten Paares zieren und illustrieren könnte.

Dieses Rot aber, weil es mir nicht gleich aufgefallen ist, von Hirn vorgestellt wie eine Geliebte: RAL 3000, das one and only Marlboro-Rot, schmerzhaft schön wie die Visionen eines trockenen Trinkers. Zehn Jahre schon stinkt Hirn nicht mehr nach Zigaretten. Es war ein Geschäft mit sich selber. Der übliche Handel mit der eigenen Lebenserwartung.

Mehr als dreißig Lebensjahre hat er von sich nie erwartet, jetzt ist er schon fünf mal sieben Jahre drüber. Nie war er so sanft wie heute und dazu immer ein Schuss mutige Selbst-Ironie alle paar Minuten. Das Manische, das an Künstlern als saloppes Attribut gilt und gern ignorant verwechselt wird mit einer furchtbaren Krankheit gleichen Namens. Das MANISCHE hat die Augen verlassen. Jetzt schaut er mich an wie ein ausgetobtes Kind. Nur, dass ihm die Couch, in die er sich tagbettet, eher zu klein als zu groß ist. Dazu passen Sätze, die wie aus dem Nichts kommen und sich an der Hand nehmen, ohne dass sie zusammen gehören.

ICH ARBEITE JA MIT GANZ BILLIGEN FARBEN. Ich habe schon vierzig Liter Blut abzapfen lassen, wegen dieser Eisenkrankheit. Zu viel EISEN; jetzt nicht mehr. ICH NEHME AUCH INDUSTRIE-LACKE, Spraydosen, Löschungsmittel. Eigenblut ist hervorragend zum Malen. Seit dreißig Jahren mache ich keine Portraits mehr.

Also kann ich ihn auch nicht fragen, was ich ihn fragen wollte. Ob er, von mir aus auf einer Serviette, ein paar Striche, eine Skizze von mir macht und ich schreibe dann darüber, wie es sich anfühlt von ihm gesehen zu werden. Was für Farben BIN ICH IN DIESEM HIRN? Wächst mir ein Spinnennetz um den Hals? Erbreche ich Blumen? Ich möchte nicht dunkel sein.

Aber weil Hirn sagte, dass er seit dem Tod von LIZ nie mehr ein Porträt schuf, frage ich den Blödsinn nicht. Viele Bilder, die herum stehen, liegen, sitzen, hängen muten mich an wie Todesnachrichten. Und dann, wir sitzen jetzt schon zwei Stunden, erzählen sie doch vom Leben. Ich picke mir mit den Augen gern das GRÜNE und das HELLE aus den Bildern. Aber nur, wenn es nicht blaustichig ist.

Wenn er nur nicht so oft sagen würde, dass KUNST nicht von KÖNNEN kommt. Weiß das noch irgendjemand NICHT? Es klingt wie eine unnötige Entschuldigung. Wann ist ein Maler ein WIRKLICHER Künstler? Tausend Tonnen Eunuchen-Material beschäftigen sich damit. Verkleben die Köpfe von Menschen, die so was lesen. Davon wird man bilderblind.

Hundert Bilder im Jahr, HE, HIRN; das sind ja jede Woche ZWEI! Ja, aber manche gehen ganz schnell. Im Sommer spart er sich sogar die Zeit, in den bodenlangen schwarzen Klecks-Mantel zu schlüpfen. Allerdings können dann die kleinen Verätzungen in der Intimzone mühselige Entgiftungs- und Reinigungsprozeduren nach sich ziehen.

Der Wein ist rot und gut. Ein maßvoller Begleiter in dreckigen Gläsern. Manchmal reicht es, dass er nur noch von gestern herumsteht, um lebensmildernde Umstände zu schaffen.

Vor 22 Jahren habe ich ihm schon einmal in ein Bilderbuch hinein geschrieben. TROTZDEM MAG ICH IHN, den Titel finde ich inzwischen affig. Mein Name brauchte damals noch einen Bindestrich. Wie wichtig hat man sich eigentlich genommen? Was hat man sich eingebildet?

Inzwischen mag ich den Hirn jedenfalls wirklich, ohne trotzdem und einfach so. Seine Bilder, selbst wenn sie dunkler geworden wären, erzählen mir mehr vom Leben. Nach wie vor rücksichtslos der Egomanie des Augenblicks gehorchend, aber nicht (immer?) rücksichtslos gegenüber dem Leben. Was seither wohl mit ihm geschehen sein muss? Es muss das Leben sein. Dieser niemals mehr verwischbare Unterschied: Ob du ein Kind hast oder keines. Mit Leonie wütet Hirn gern sonntags in den Farben. Sie auch. Zwei wunderbare Wüteriche.

Malen wie ein Tier, das Bild sagt selber, wenn es fertig ist. Es giftelt im Atelier wie in einem Depot für Sondermüll; die Lacke, die Beizmittel, das böse billige Zeug. Die Lunge ist froh, dass sie dazu wenigstens keine Marlboro mehr verkraften muss. Giftiger Volldampf zieht in Schwaden durch den Kopf. Ein bisschen high, vom abgestandenen Wein und vom Schnüffeln.

Ich liebe seine Müdigkeit, die immer gegen das Wachsein-wollen verliert. Über den Rand der Erschöpfung hinaus. Eine Ungerechtigkeit gegen sich selbst, die Gesetzmäßigkeiten des Anwaltsberufes wollen nicht mehr gelten. Ein Bild geht noch. Oder tausend.

Die Tochter ruft an. So ein Teufelsbraten war ich auch einmal im Teufelsbratenalter. Es ist anstrengend. Eines späten Daddys Augenstern zu sein. Das kann ich bestätigen. Hirn sagt, er wäre FRÜHER ein nicht vorhandener Vater gewesen. Das Schicksal hat ihm dann doch noch dieses Kind gegönnt, das wie sieben Kinder ist.

Lesen, lesen, lesen. Bei den HIRNS kommen Mama, Papa und das Kind auf dreihundert Seiten pro Tag. Köhlmeiers ABENDLAND, als Hörbuch, ist derzeit die Klagewolke im Atelier. Der Gedanke, dass man das alles irgendwann nur noch ins Grab mitnehmen kann, tut der weh?

Ach, der SENSI. So nennt Hirn den Tod, wenn er mit ihm grad irgendwie PARI ist. Das ist immer öfter der Fall. Bei anderen Leuten nennt man so etwas WEISHEIT.

Bilder malen wie Schäfchen zählen gegen den Tod. Das Kind im HIRN läuft Marathon. Auf die Playstation zu. Mir kommt vor, die Bilder vom Hirn werden immer tröstlicher. Auch die dunklen.

Marga Svoboda, Schriftstellerin, Journalistin und Kolumnolistin der „Kronenzeitung“, lebt und arbeitet in Wien und in Planken, Liechtenstein.

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