Manfred M. Lang
Hirn-Spiralen

Der Weg ins Zentrum ist kontinuierlich und weit. Eine Synthese zwischen Kunst und Leben

Wenn ich den kuenstlerischen Weg von Gerold Hirn verfolge, so findet sich immer wieder und somit eine langfristige Auseinandersetzung mit dem Ornament. Und diese Auseinandersetzung vermittelt den Versuch, das Ornament als Formenfolge nicht nur formal-oberflaechlich zu bewaeltigen, sondern es bis auf den archetypischen und ornamentalen Grund/Urgrund auszuloten.
Daher fuehrt Gerold Hirns Weg zwangslaeufig zur einer der archetypischesten Formen des Ornaments - zur Spirale. Die Spirale ist auch und vorallem in der Kunst die rituelle Konzentration auf das Wesentliche/Zentrale. Und dieses Wesentliche ist der Mittelpunkt des Selbst (beim Kuenstler) ñ und der uebertraegt sich auf den Mittelpunkt des Seins (beim Betrachter). So gesehen ist der Endpunkt der Spirale auch ein Besinnungsmittelpunkt. Also Mittelpunkt/Endpunkt der benuetzt wird, aber in seiner und durch seine Endgueltigkeit nie erreicht werden kann. Auch nicht in der Hybriditaet des Wollens oder Wuenschens. Vielmehr dient der spiralige Weg einer besinnenden Demut vor dem Ende des Weges. Des kuenstlerischen wie des realen. Dieser Endpunkt (der Spirale) kann somit nur einmal erreicht werden und wird schlussendlich auch nur einmal erreicht. Die Auslotung der Spirale, also nicht nur ein Nachvollziehen, sondern auch ein/das Beschreiten des Weges zum Endpunkt, ist die taetige Beschaeftigung mit dem Leben ñ inklusive der Bewaeltigung moeglicher und logischer Muehen ñ bis hin zum zwangslaeufigen - und somit einmalig erreichten Endpunkt des Lebens - dem Tod.
Dies spiegelt auch sehr gut die vielfaeltige Laenge von Gerold Hirns Spiralwegen wider. Es gibt enge Spiralen, die in zahllosen Windungen zum Zentrum fuehren und es gibt solche, die nach drei Windungen bereits das Zentrum erreicht haben. Gerold Hirns Spiralbilder lassen auch keine Buntfarben zu. Bestenfalls nur Farbreste, die wie verschuettete Erinnerungen unter der Spiralwindung daemmern. Die vordergruendige Verwendung von Farbe waere zweifellos nur eine unnotwendige Behuebschung ñ somit ein Widerspruch zum Sein, das keine Behuebschung benoetigt und duldet.
Vielleicht strahlen Gerold Hirns Spiralen deshalb eine solche Intensitaet aus, weil er nicht nur sondern auch Kuenstler ist. Weil er die Seinsfrage nicht nur von einem Gesichtspunkt auslotet bzw. ausloten kann und muss. Vielleicht liegt die Intensitaet aber auch daran, weil Gerold Hirn des oefteren die normale und vorgezeichnete spiralige Weg-Folge bewusst stoert. Z.B. dadurch, dass der Weg ins Zentrum nicht nur weit sondern auch unmoeglich ist. Denn es gibt Spiralbilder, die den Eingang und solche, die den Zugang zum Zentrum verwehren. Spiralbilder, die in einer gegenlaeufigen Bewegung gleichzeitig ins Zentrum und aus diesem wieder herausfuehren. Es gibt Spiralen, die nur zoegerlich die Form freigeben und wie eine nur zum Teil freigelegte, vom Wind freigewehte Ausgrabung anmuten. Es finden sich Spiralen mit einer doppelten Kontur und solche, die keine schnelle Kopfbewegung dulden, da sie sich vexierbildhaft kinetisieren/veraendern.
Die Spirale nicht nur als Symbol eines kontinuierlichen Ablaufs, sondern auch als Symbol fuer die Unwaegbarkeiten des Lebens. Somit hebt sich bei Gerold Hirn die Wertigkeit seiner Bilder ueber seine persoenliche Befindlichkeit hinaus. Seine Spiralbilder werden zu einer geglueckten Synthese zwischen formal/ornamentalem Zeichen und emotionalem Symbol. In letzter Konsequenz aber auch eine der moeglichen gluecklichen, weil vom Betrachter benuetzbaren, Synthese zwischen Kunst und Leben.

Manfred M. Lang, Studium der Kunstgeschichte und der Theaterwissenschaften, arbeitet als Regisseur und Drehbuchautor, seit 1976 Besitzer der Galerie Lang, Wien mit Schwerpunkt europäische Kunst nach 1945 und Österreich; Organisation und Gestaltung von Großausstellung, Herausgeber der Kunstzeitung LANG / ART / NEWS, lebt in Wien.

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