Lucas Gehrmann
Hirn Inter Aktiv

1993. Der Kunstboersenboom ist in der Atempause, doch es gibt sie noch und wieder, die grossen Helden der internationalen Kunstszene, kontemporaere Nachfahren der Tizians, DalÌs, Warhols, es gibt die Top Ten, die Megastars der bildenden Kunst, auch wenn sie nicht jene Omnipraesenz einnehmen koennen wie ihre Kollegen aus dem medial vernetzten Musikshowgeschaeft. Gleichzeitig und andererseits erinnert man sich angesichts der zunehmend expandierenden massenmedialen Produktion von "Realitaeten" des schon aelteren postmodernen Diskurses ueber das "Verschwinden des Subjekts" - hinter seine von aussen herangetragenen Bilder von Wissen und Welt. "Ja, der Bildschirm wird zum gestaltenden Subjekt: er initiiert die Aktivitaet, modelliert Tagesablaeufe, wird zum Interieur, bestimmt das Denken." In ihrer medialen Vervielfaeltigung und Verbildlichung verschwinden demnach auch die Person des Kuenstlers und das Kunstwerk als Objekt - oder besser: sie transformieren zu kuenstlich erzeugten, uebereinkuenftlich fuer wahr gehaltenen Bildoberflaechen. Im digitalen Netzwerk der Telekommunikation kann sogar dieses Bild geloescht werden, wenn das eingespeiste Werk nebst Signatur sich der Veraenderbarkeit durch andere Netzteilnehmer aussetzt. Dort gilt pointiert, was nach der Dekonstruktion des Originalbegriffes schon allgemein konstatiert werden kann: "Kunst, zum Kompilat geworden, kennt weder Personal- noch Zeitstil, weder historische Referenzen noch irgendwelche verifizierbaren Wirklichkeitsbezuege; die Frage nach der Originalitaet des Werkes stellt sich ebenso wenig wie jene nach der individuellen Kreativitaet des Autors. Der adaequateste Name fuer diesen Autor waere also jenes schlichte Pseudonym, das der listenreiche Odysseus sich zugelegt hatte, õniemandã." poeta laureatus, die honorierte Kuenstlerkultfigur, versus anonymus, der sich in seinen bescheidenen (Kreativitaets-) Anteil Bescheidende? 1993. Gerold Hirn schickt ein Buendel alter Tageszeitungen von Feldkirch nach Japan, an eine Manufaktur, in der die traditionsreiche Technik der Origami-Faltung noch gepflegt wird. Eine Skizze ueber Muster- und Formatwunsch liegt bei, wenig spaeter kommen die Zeitungen als Faltkunstmusterwerke zurueck, jedes etwa einen Quadratmeter gross oder doch jedenfalls quadratisch, denn das Quadrat ist das Lieblingsformat des Kuenstlers. Die Origami-Matten, jeweils dreissig Stueck von einer Muster-Art, werden nun zu Bildtraegern, zum geometrischen Grundgitter vieler Mal- und Lasurschichten, zu Traegern auch von anderen Ornamenten, die, durch Schablonen aufgetragen, durch die naechsten Schichten durchschimmern, deren oberste dem ganzen endlich jenen lackartigen Charakter verleiht, wie er angestrebt wurde. Die Lacktechnik selbst folgt dabei keinem ostasiatischem Rezept, Gerold Hirn ist weder Archaeo- noch Ethno-Kuenstler, aber er nimmt sich aus verschiedenen Zeiten und Kulturen jene Partikel, die er fuer seinen Zweck verwenden kann, und er bearbeitet sie mit hoechst zeitgenoessischen Mitteln, seiís Autolack oder Schleifmaschine. Seine Funde - frueher, um 1981, waren es alte Holzfenster, die er informell-gestisch bemalte, spaeter waren es die Frottage- , Klebstreifen- und Abklatschtechnik, dann die Schablone - beruhen wohl nicht zwingend auf einem schon vordurchdachten Konzept, sie sind aber wohl ebensowenig "reine" Zufallsfunde. Im Falle der Origami-Technik ist es klar, dass dahinter eine langjaehrige Leidenschaft fuerís Ornament, vor allem fuer das geometrische, liegt, und darueberhinaus verfuehrt mich meine eigene Assoziation dieser ostasiatischen Muster mit den Flechtwerken des suedspanischen MudÈjar-Stils fast zu der Frage, ob Gerold Hirn schon an Spanien dachte, als Ö, aber solche Fragestellungen sind sinnlos, siehe oben. Warum ueberhaupt Ornament, koennte man etwas sinnvoller fragen, bei all seinem zunaechst rezeptiven Interesse fuer dasselbe - denn Gerold Hirn hat lange Zeit, wie schon erwaehnt, informell gearbeitet, aus dem Bauch, subjektivische Kunst also produziert, dagegen sind das Raster, das Ornament, die Schablone geradezu unverbindlich-allgemein. "Hirn unterwirft sich in der letzten Zeit der Sublimation", schrieb Wolfgang Fetz 1992, wenn auch in einem etwas anderen Zusammenhang, ich kann daher im hier gemeinten Zusammenhang ergaenzen: Hirn unterwirft sich der Internationalisierung der Bildsprache zugunsten von Allgemeinverstaendlichkeit - "unterwerfen" ist dabei nicht woertlich zu verstehen, denn Gerold Hirn ist schwer vorstellbar in proskynesis vor etwas oder wem. Es erscheint vielleicht widerspruechlich, Sublimation und Verallgemeinerung, im Bildsprachlichen aber muss es das nicht sein, man denke nur an die fruehen Abstrakten. Ornament ist letztlich immer eine Abstraktion von etwas, und es begegnet uns zugleich ueberall, auf Tapeten wie Vorhaengen und Ö auch wieder in der Kunst, trotz seiner zwischenzeitlichen Verbannung aus dem westlichen architektonischen und bildnerischen Bereich. Doch nicht nur in formaler, sondern auch in farblicher Hinsicht tritt Gerold Hirn hinter seinen Ich-Ausdruck zurueck: seine Bilder werden zusehends grauer, die Farbe verschwindet sogar gaenzlich in seinem letzten Katalog fuer Jekaterinburg: ausschliesslich Schwarz-Weiss-Wiedergaben von ohnehin schon farblich reduzierten Werken. Und wo bleibt seine Sinnlichkeit in der Kunst? Die ist nach wie vor vorhanden, lebt im Prozess der Bildentstehung, in der Lust am Experiment, im Mixen und Walzen und Lasieren und Schleifen, Hirn selbst nennt sich gerne homo ludens, aber sie tritt zusehends zurueck hinter die sichtbare Bild-Oberflaeche - wer Gerold Hirn und/oder sein Atelier nicht kennt, verspuert das Sinnliche nurmehr als ein in und zwischen den Zeilen/Zeichen/Schichten Liegendes und diese Verbindendes. In dieser versteckten Form spricht es, weil weniger persoenlich, multikulturell verstaendlich. Gerold Hirn lebt nicht nur hier und jetzt, er lebt eigentlich ueberall. Seine Galerie, seine Sammlung, seine Kanzlei sind Knoten im internationalen (Kunst-)Informationsnetzwerk. Seine Bilder wandern an gezielte Orte zwischen Russland und Amerika, organisiert begleitet von Freunden, Kaeufern, wohl auch Neidern. Hirn fuehrt sie sachkundig durch Stadt und Land, zu visuellen und kulinarischen Merk-Wuerdigkeiten. Aus der Sicht seiner kleinen Provenienz-Provinz ueberschreitet der multitalentierte Selbstorganisator Hirn so manche berufsethische Grenze, die es im grenzueberschreitenden Kunstbetrieb gar nicht gibt. Gerold Hirn lebt und bewegt sich im aktuellen Spannungsfeld zwischen Selbstdarstellung und Entselbstlichung, zwischen laureatus und anonymus, und das Tun und Sein dort ist sein Vergnuegen.

Lucas Gehrmann, Studium der Kunstgeschichte, Leiter des „Triton-Verlages“, Kurator der „Kunsthalle Wien“, zahlreiche Publikationen zur zeitgenössischen Kunst, lebt in Wien.

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