Leonid Bashanow
Zur Ausstellung von Gerold Hirn

Die Eroeffnung der Ausstellung von Gerold Hirn in Moskau ist zweifellos ein grosses Ereignis. Sie ist wichtig fuer unser Publikum, fuer unsere Kultur und fuer die Nachkriegsgeneration, denn die Kunstrichtung des geometrischen Minimalismus wurde in Russland sozusagen verpasst, in einem Land, das zu Beginn des Jahrhunderts, in den Zwanziger Jahren, dieser bildnerischen Ausdrucksform besonders zugetan war. Leider ereilte die russische Kunst ein dramatisches Schicksal, und ihre Geschichte wurde praktisch unterbrochen. Erst in der Phase von Pop-Art, Konzeptualismus und Postmodernismus wurde die russische Kunst wieder in den Kontext des zeitgenoessischen bildnerischen Schaffens aufgenommen. Dabei geriet ihr verlorenener Zweig ñ die abstrakte Geometrie ñ in Vergessenheit. In unserem heutigen kuenstlerischen Bewusstsein entstand eine Luecke, die sich, so hoffe ich, durch die Ausstellung von Gerold Hirn wieder schliessen wird. In dieser Hinsicht ist die Begegnung mit seiner Kunst in den Ausstellungssaelen der Nationalgalerie ein echtes Erlebnis. Andererseits ist es fuer unser Bewusstsein wichtig, auf die Bedeutung der russischen Kunst fuer die westeuropaeischen Traditionen hinzuweisen. Der russische Suprematismus, der Konstruktivismus und der russische Kosmismus fanden in der Erschliessung und der Evolution der kuenstlerischen Welt Westeuropas einen fruchtbaren Boden. Das Weltempfinden von Gerold Hirn weist darauf hin. Wenn die westliche Kunstwelt der russischen Kunst des Jahrhundertbeginns in vielerlei Hinsicht verpflichtet ist, dann kehren wir heute zu den Quellen unserer Kultur dieses Jahrhunderts durch die Energie und die Kontakte mit der Weltkunst zurueck. Der Kreis schliesst sich. Durch diese Ausstellung werden unsere kulturellen Kontakte mit ÷sterreich gefestigt, die leider nicht so aktiv sind, wie die Kontakte Russlands mit Deutschland oder mit Frankreich, obwohl die oesterreichische Kultur in ihrem Geist, im inneren Suchen und in ihrer Intonation sehr verwandt ist.

Die Ausstellung von Gerold Hirn kommt zur rechten Zeit. Noch vor wenigen Jahren waren wir fuer die Wahrnehmung dieser disziplinaeren Kunst noch nicht bereit. Als der "Eiserne Vorhang" fiel, interessierten wir uns fuer andere Dinge, die sozial gefaerbt und expressiv waren. Inzwischen haben wir Erfahrungen gesammelt, die uns befaehigen, diese Kunst zu rezipieren, was eine gewisse intellektuelle Disziplin und Konzentration voraussetzt. Wir haben es mit einer fast hermetischen Kunst zu tun, die einen aufmerksamen Betrachter sucht, frei von jeglicher Spekulation. Die Bilder Gerold Hirns bauen auf Kontinuierlichkeit und Ordnung auf. Es ist eine Ordnung des kuenstlerischen Kosmos, wo Rationalitaet und Sinnlichkeit untrennbar sind, wo die Sinnlichkeit aber in den intelligiblen Schichten des Bewusstseins verborgen ist. Zweifellos werden die Formen dieser Darstellungsweise fuer das visuelle Suchen des modernen Bewusstseins genauso fruchtbar sein, wie die bereits gezeigten Ausstellungen von Uecker, Rauschenberg und Tinguely.
Wir erinnern uns heute an das Vergessene und stellen das Verlorene wieder her. In dieser Hinsicht nimmt die Begegnung mit der Persoenlichkeit Gerold Hirns, die nicht nur eine wuerdige kuenstlerische, sondern auch menschliche Position innehat, einen besonderen Platz in den russisch-oesterreichischen Beziehungen ein. Das aufrichtige Interesse des Kuenstlers Gerold Hirn fuer die russische Kunst und die oesterreich-russischen Beziehungen ist die Resonanz unserer gemeinsamen Geschichte. Ich bin sicher, dass diese Ausstellung eine Fortsetzung haben wird.

Leonid Bashanow, Leiter der Verwaltung für bildende Künste beim Kulturministerium Rußlands, Kurator und Veranstalter künstlerischer Projekte der Avantgarde, Autor zahlreicher Veröffentlichungen über Theorie und Geschichte der modernen Kunst.

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