Gottfried Bechtold
Hirn, Gerold, Maler, Objektivist, Jurist, Individualist

Wenn in der heutigen Zeit immer und überall Interdisziplinarität gefordert wird, ist Gerold Hirn geradezu das Musterbeispiel für derartige Vielseitigkeit. Gerold Hirn beansprucht zwei Metiers für sich und er füllt sie vollkommen aus. Darüber hinaus ist er Galerist, der die selbstgesteckten Grenzen des Künstlers sprengt, indem er die Kunst anderer zeigt, die die seine in Frage stellt. Doch das schreckt ihn nicht. Er liebt die Kunst. Er ist ein kultureller Agitator auf bedeutendem Level, er liebt es subtil zu inszenieren, sich selbst und andere Künstler gleichermaßen, versteht es zu genießen, ist ein vortrefflicher Gastgeber und bewegt sich ständig auf internationalem Parkett.
In der Kunst ist er dem intelligenten, aktionistischen Element verpflichtet. Vom gestisch informellen Malen ausgehend hat es sein Leben durchwachsen. Der leidenschaftliche Maler Gerold Hirn ist in seinem Atelier immer dann anzutreffen, wenn ihm Gerichtstermine und seine Anwaltskanzlei Spielraum dafür lassen. Er agiert dort nicht nur auf seine Weise, sondern er treibt auch den Malprozeß selbst unentwegt auf die Spitze. Er ist einer der Wenigen, denen es gelingt mit dem Phänomen der Quantität seriös umzugehen. Ihn scheint nicht das maximale Ausbeuten einer Idee zu motivieren, sondern ein wilder Instinkt, der ihn dazu anhält, sämtliche Möglichkeiten tatsächlich zu probieren und sinnlich auszukosten, was unweigerlich in einer Materialschlacht endet. "Quantität" ist das qualitative Merkmal und Moment des Malers Gerold Hirn und die dabei erreichte ästhetische Qualität bewegt sich auf internationalem Niveau. In den mehr als zwanzig Jahren künstlerischer Tätigkeit hat er eine enorme Bandbreite des malerischen Gestus und der Mittel durchquert und doch wandeln seine Bilder sich nur langsam, sind minimale Derivationen und doch sehr komplexe Variationen des einmal aufgegriffenen Grundgedankens. Das einzelne Bild entzieht sich einer Beschreibung und würde Gerold Hirn nicht gerecht, denn sein Werk ist als eine Gesamtheit und Kontinuität zu sehen, die nicht nur eine Entwicklungsgeschichte hat, sondern dabei in die Richtung einer komplexen Reduktion des Malerischen geht. Es liegt am Betrachter, diese sehr reduzierten Bilder, die dennoch einen "Inhalt" haben, auf sich wirken zu lassen und er wird dabei seine kleinen (großen) Wunder erleben. Das taktile Textile dämmert ätherisch durch scheinbar verrottende, modernde, rostige, schimmelnde Flächen hindurch, Rauten, Karos, Arabesken und eine ebensolche Vielzahl gleichförmiger Origami-Faltungen formulieren mit ihrer potentiellen Unbegrenztheit das Unendliche. Positiv-Negativ-Formen kippen und changieren, die Farben sind zurückgenommen als logische Konsequenz des formalen Geschehens, nur manchmal verläßt eine den Rahmen und blitzt oder glüht rätselhaft auf. Hier ist ein Endpunkt ästhetischer, kulinarischer Feinsinnigkeit und Musikalität erreicht. Die Malerei bringt die philantropische Seite des Gerold Hirn zum Klingen, seine Menschenliebe, die sich nicht nur hier ausdrückt. Der humane Akt besteht in der eleganten Usurpation von arachaischen "Mustern", die er verarbeitet und verändert wieder hergibt. Er ist jener Magier, der nonchalant aus seinem Hut eine Unzahl von sehr ähnlichen Bildern hervorzaubert, ohne daß nur ein einziges davon überflüssig wäre. Es sind aktuelle formale Geschöpfe, die ein "Werden" im Gegensatz zu Einheitsvorstellungen und Linearitätsphantasien verkörpern. Ist der Weg einmal ausspioniert, gibt er sich auch die Chance ihn abzubrechen, läßt Veränderung zu, hin und wieder einen Paukenschlag. Das bringt mich auf den Gedanken, daß Gerold Hirns Bilder, Fenster in eine Welt des Werdens sind, ohne Anfang und Endpunkt, Bilder wie man sie hat, wenn man auf der Brücke steht und auf den Fluß hinunter schaut. Es gibt kein Ziel, sondern nur den beständigen Weg, den man geistesgegenwärtig für Augenblicke anhalten kann, es gibt kein Stehenbleiben, nur das Ausloten des gegenwärtigen Augenblicks in seinem Vergehn. Die Bilder sind absolut homogen und in einer unaufhaltsamen Vorwärtsbewegung begriffen, entsprechend seinem ganz persönlichen Lebensstil. Er bringt mit seinen Bildern eine erträgliche, sehr liebevolle Ordnung ins Leben, macht Gesetze, die durchbrochen werden von ebensovielen Ausnahmen. Obwohl der Produktionssvorgang relativ einfach ist, sind seine Raster, Muster und Quadrate sehr sophisticated und komplex. In der Vielschichtigkeit der Überlagerungen blitzt die Gegenwärtigkeit von Vergangenheit und Zukunft auf. Manche der Quadrate sind witzig, wenn sie die selbstauferlegte Ordnung augenblicksweise durch einen Regelbruch niedermachen, andere ausgesprochen mutig, weil sie formal als auch materiall an gewagte Grenzen gehen und eine Auslieferung und Infragestellung herausfordern. Wie ich es sehe wird hier der Begriff der subjektiven, genialen "Schöpfung" verneint und ersetzt durch das lustvolle Variieren von schon Vorhandenem. Allgemein bekannte, scheinbar banale Elemente, Karo, Dreiecksband, Kreis, Raute, Arabeske, das konzentrische Prinzip, die multiple schachbrettförmige Anordnung finden nirgends ein Ende. Es ist ein sehr schlüssiger Beweis der hier immer wieder angetreten wird, mit diesen unendlich fortführbaren Mustern kann man immer noch reden und erstaunlicherweise können sie auf eine sehr frische Weise gesehen und verstanden werden. Erinnerungsmeteoriten wie Rothko, Stella, Buren, Lohse, Arp und Ernst zogen feine Spuren, Hirn nimmt die Fährte erneut auf. Mit den minimalsten Mitteln, mit denen man in so eine Auseinandersetzung gehen kann, tritt er immer wieder vor internationales Publikum. Gerold Hirn benützt eine Bildsprache, die sich aus dem Pool der Symbole, Zeichen und Ornamente speist und intuitiv immer und überall verstanden wird.

Gottfried Bechtold, Bildhauer, Konzeptkünstler, Denker, Genie, lebt in Hörbranz bei Bregenz.

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