Erwin Ringel
Afrikanisches déjà vu

Wenn Gerold Hirn malt, wird er immer wieder von einem seltsamen Gefühl heimgesucht, als hätte er dies alles, was er im Bild festhält, schon einmal gesehen. Die Franzosen nennen dieses "déjà vu" und es spielt auch in der Medizin eine gewisse Rolle. Wie immer man aber die Sache bedenkt, eines steht fest: es handelt sich um eine Einstellung, die nach rückwärts gerichtet ist.

Dieses scheint zuerst in jedem Menschenleben von großem Wert zu sein. Der englische Historiker Arnold J. Toynbee hat den berühmten Satz geprägt: "Wer seine Vergangenheit nicht versteht, der ist verurteilt, sie in der Zukunft wieder zu erleben." Alexander Mitscherlich hat aus seinem psychotherapeutischen Erfahrungen das Ergebnis abgeleitet, der Mensch sei zum Irrtum geboren und Identität bekomme man nur dann, wenn man sich einerseits zu seinen Irrtümern bekennt und andererseits daraus die Fähigkeit ableitet, es in Zukunft besser zu machen. "Durch Schaden wird man klug" ist ein herrliches Sprichwort, das aber nur dann gilt, wenn man vieles, was man getan hat, als Schaden für sich und andere durchschaut und gleichzeitig erkennt, wie es zu diesem Schaden gekommen ist. Zusammenfassend könnte man sagen: der Mensch muß auch vergangenheitsbezogen sein, um wirklich eine Zukunft zu haben.

Das Nichtvergessen der Vergangenheit sollte sich aber nicht nur auf negative Dinge beziehen, sondern kann auch durchaus positiv orientiert sein. Rilke meint: "Und wenn man dich in ein Gefängnis wirft, so bleibt dir dennoch die Kindheit als positiver Schatz." Die Treppe des Lebens sollten wir nicht nur nach aufwärts, sondern auch nach abwärts gehen können. Was nützte die schönste erste Etage ohne den Keller mit den vielen Schätzen, die in ihm verborgen waren und sind. Erich Kästner sagt: "Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut" und bedauert dies zutiefst. Und da sind wir wieder beim "déjà vu". Oft haben wir dieses Gefühl, weil es uns an etwas in unserer Kindheit erinnert, was wir längst vergessen haben. Die Kindheit ist nicht nur die Geburtsstunde der Neurose, sondern auch jenes Reservoir an glücklichen Erlebnissen, nach denen wir oft ein ganzes Leben lang auf der Suche sind, ohne sie finden zu können, weil uns einfach das Tempo der Zeit keine Zeit dazu läßt. Daher müßte man sich einen Freiraum der Erinnerung schaffen, und je älter man wird, desto seltsamere, wundersame Gefühle überfallen einen, wenn man an die Kindheit denkt. Hat man denn je alle diese Kleinigkeiten ausempfunden, liegen sie nicht vielmehr unverarbeitet im innersten Kern unserer Seele? Voila: Man nehme die Bilder von Gerold Hirn, um als Anstoß seine eigene Vergangenheit im Guten wie im Bösen ernstzunehmen und sich Zeit zu gönnen, darauf einzugehen. Bei dieser Gelegenheit: ich bin überzeugt, daß das Malen auch für Hirn selbst eine Therapie darstellt, wie ich ja als Spezialist für Phsychosomatik überzeugt sagen muß, daß die Maltherapie auch bei Patienten, besonders psychosomatischen, eine immer größere Bedeutung gewinnt, weil sie die Möglichkeit bietet, Konflikte auf non-verbalem Wege darzustellen und zu verarbeiten.

Damit bin ich bei einem weiteren Punkt des "déjà vu". Es ist ja immer auch ein Versuch, in das Unbewußte hinabzutauchen. Ein Bild von Hirn, das ich besonders schätze, heißt "Die Titanic ist nicht zu heben". Ich glaube, in diesem Bild stimmt alles, nur der Titel nicht, denn das Bild scheint mir in Wirklichkeit eine Möglichkeit zu sein, das Schiff zu entdecken und zu heben, wobei wir seit langem wissen, daß Wasser und Versenktes ein Symbol für Unbewußtes darstellen. Und erst im Nachhinein verstehe ich, warum ich gerade diesem Bild im Vorzimmer meiner Ordination einen prominenten Platz eingeräumt habe. Wenn man schwere neurotische Symptome hat, ist die Heilung nicht anders möglich, als die unbewußten Ursachen bewußt zu machen. Aber auch für jeden "gewöhnlichen gesunden Sterblichen" ist Beschäftigung mit dem eigenen Unbewußten wertvoll, weil dieses ja einen wesentlichen Bestandteil der menschlichen Seele ausmacht, haben wir doch seit den alten Griechen die Aufgabe des "gnothi sauton", des "Erkenne dich selbst" als eine entscheidende Aufgabe vor uns, um nun unsere Lebensgestaltung für uns und andere ins Sinnvolle zu wenden. Wie wäre dies möglich ohne Berücksichtigung unseres Unbewußten?

Die Zitierung der alten Griechen bringt mich auf einen weiteren Gedanken: die Rückkehr in die Vergangenheit dürfte ja nicht nur persönlichkeitsbezogen gewertet werden, sondern auch menschheitsbezogen. Sie führt somit zurück in die Urzeiten der Menschheitsgeschichte. Es ist vielleicht darum kein Zufall, daß sich bedeutende Maler unserer Zeit, von denen ich vor allem Picasso nennen möchte, ganz intensiv mit der Kunst der Primitiven vor allem in Afrika beschäftigt haben, wobei auch deutlich zu sehen ist, daß diese Auseinandersetzung auf ihren Stil deutliche Wirkungen gezeigt hat. Picasso hat nach dem Besuch der Ethnographie im Trocadero im Jahre 1907 gesagt: "Es war ekelhaft, ich wollte sofort wieder hinaus. Ich ging nicht. Ich blieb."

Auch in Hirns Arbeiten vermag ich viele Zeichen der primitiven Kunst in Afrika zu entdecken, oder besser gesagt: zu erahnen. Nur daß die Werke ekelhaft sind, konnte ich niemals finden, aber geblieben bin auch ich bei der Betrachtung lange Zeit. Man pflegt über Menschen, die eine doppelte Begabung haben, einen bösen Scherz zu machen: "Die Ärzte hielten ihn für einen guten Philosophen und die Philosophen für einen guten Arzt." Solch ein Scherzwort scheint mir für Hirns Leben nicht zulässig. Ich schätze ihn als einen ausgezeichneten Rechtsanwalt und einen ebenso guten Maler.

Erwin Ringel, Facharzt für Psychiatrie, Vorstand des Instituts für medizinische Psychologie der Universität Wien, Suizidforscher, verstarb 1994 in Wien.

Zurück