Eckhard Schneider
Über Gerold Hirn

Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „EX TEMPORE“ am 17.Juni 2005

 

Eckhard Schneider

 

 

 

Es ist verschiedentlich angeklungen, dass Gerold Hirn schon seit langen mitten und aktiv im Leben steht. Als Rechtsanwalt, Galerist, Kunstkritiker, Kulturpolitiker, Sammler. Meine Frage, wie er das eigentlich macht, bezieht sich allerdings weniger auf die Person des Künstlers als auf die Frage nach seinen Bildern. Das, was Sie heute Abend sehen, ist ein Ausschnitt aus einem sehr, sehr opulenten Werk, dargestellt in etwa 40 Formaten, interessanterweise alle in Quadratform. Es sind Arbeiten, die zusammengenommen eine lange bildnerische Wegstrecke darstellen und viele Fragen aufwerfen. Natürlich ist das, was Sie auf den Bildern sehen – ich nenne es „die Schlacht auf dem Bild“ – wichtig. Doch: Geht es um Schönheit oder geht es um das, was sich hinter den Bildern verbirgt? Offen ist natürlich auch die Frage nach dem „Machen“, also: wie Hirn im wörtlichen Sinne eigentlich diese Bilder macht.

Ich will versuchen, das Ganze mit zwei antipodischen Begriffen zunächst einmal auf den Punkt zu bringen. Ich habe mir überlegt, dass Begriffe wie „Prozess“ und „Schönheit“ vielleicht besonders kennzeichnend sind für das Werk von Gerold Hirn. Prozess und Schönheit haben eine lange Tradition in der Kunst, auch in der zeitgenössischen. Prozess ist etwas, das sich auf das Material bezieht. Prozess ist etwas, das sich auf den Herstellungsablauf bezieht. Prozess ist aber auch etwas, das eine lange Tradition besitzt.

Denken sie an die Surrealisten, die sich eines Phänomens bedienten, das auch in Hirns Bildern immer wieder auftaucht, nämlich des Prinzips des Zufalls. Sie haben den zufälligen Prozess sozusagen als eine wesentliche, frei tragende Komponente für die Moderne benutzt. Und wenn Sie an die Tradition der abstrakten Expressionisten denken, dann wissen Sie, dass die Künstler es geradezu als eine Befreiung angesehen haben, nicht allein der Realität zu folgen, in Form von Abbildlichkeit, Gegenständlichkeit oder von Figuration. Sie haben den Versuch unternommen, sich von all dem frei zu machen, bezogen auf eine Wegstrecke, die sich des Mittels vergewissert, mit der die Kunst alles bewirkt. Die Figuration genauso wie die Abstraktion. Und erlauben Sie mir, wenn ich das so sage: Wer figurativ arbeitet, hat immer die Gewissheit, dass er mimetische Elemente oder Gegenstände oder Figuren als Rückhalt und Absicherung hat. Wenn sich jemand im Prozess und in dem Sinn der Schönheit allein den objektiven Mitteln der Kunst ausliefert, ist das kein ganz so einfacher Vorgang. Umso erstaunlicher, das muss ich nun ganz privat und objektiv sagen, ist zu sehen, dass der Künstler Gerold Hirn sehr kontinuierlich gearbeitet und sich innerhalb dieses Spektrums eine ganz klare Schneise gezogen hat. Innerhalb eines Spektrums, das einerseits sehr eingeengt ist und andererseits sehr viel Möglichkeiten offen lässt,

So fangen wir mal mit den Formaten an. Es ist so, dass jemand, der von vornherein eine Bildentscheidung fällt, indem er in der Ausgewogenheit zwischen Höhe und Breite und in der Tatsache, dass bei so einem Bild die Möglichkeit besteht, es nicht nur frontal auf der Staffelei vor sich zu haben, sondern es flach auf den Tisch zu legen und damit noch mehr Möglichkeiten aus dem Prozess herauszuholen, ein ganz klares Regelwerk eingeführt hat. Das Problem jedes Regelwerks in der zeitgenössischen Kunst, wie vielleicht überhaupt generell im Leben, ist ja: Befördert es etwas oder hemmt es? Das wissen wir aus allen Bereichen, und es ist interessant, dass dieses Regelwerk, dem sich Hirn verschrieben hat, offensichtlich Türen geöffnet hat.

Neben dieser Tatsache des geklärten Formats ist die andere Tatsache, dass Hirn dem Material vertraut. Wenn Sie die Bilder genau anschauen, fällt auf, dass alle Bilder nicht nur getragen sind von Farbe, sondern von vielen, vielen verschiedenen Elementen, die die Farbe als Träger mittransportieren. Papiere, Lacke und verschiedenste Applikationen – oder ein Puzzle, wie Hirn beispielsweise zu einem Gemeinschaftsbild sagt, das er mit seiner Tochter Leonie. Ein Puzzle, das verarbeitet wurde und so überarbeitet wurde, dass man es suchen muss. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Bildpuzzle, also eine doppelte Bedeutung und Aussage, wie es so ein Puzzle auch ist. Kurz, da ist jemand, der im Atelier Materialien verwendet, denen er traut, die auch haptisch für ihn erlebbar sind, die ein Anreiz sind, das Bild zu starten.

Und dann, und das fand ich sehr interessant, als ich noch einmal mit Hirn über seine Bilder gesprochen habe, beginnt etwas, das diese Frage noch einmal berührt: Findet das Bild eigentlich auf der Vorderseite statt oder findet man es vielleicht auf der Rückseite? Wenn jemand so beschäftigt ist wie dieser Mann, dann muss er sich natürlich den Tag einteilen und organisieren. Ich habe das so verstanden, dass er – auf Grund der unterschiedlichen Farb-trocknungszeiten - mehrmals täglich ins Atelier geht, was bewundernswert ist, weil auch das eine Form von künstlerischer Disziplin ist, die dafür sorgt, dass der Malprozess für ihn nicht nur ein einmal gedachtes Element ist, sondern der Prozess immer wieder neu anfängt; immer wieder neu gestartet wird und auf bestimmten Regeln fortgeführt werden kann. Das bedeutet beispielsweise - und es wäre interessant, das vielleicht auch mal zu veröffentlichen - dass auf der Rückseite der Bilder signiert und notiert ist, wann ein Bild begonnen wurde, wann es wieder begonnen wurde und wann es fortgesetzt wurde. Kurz: Hier ist jemand, der in zweierlei Hinsicht an dem Bild fortarbeitet. In der ersten Phase traut er dem Material, traut er dem Zufall, traut er den Möglichkeiten, die ihm das bildnerische Arbeiten bietet. Und in der anderen Form versucht er, diese zu kontrollieren. Versucht er, diese einzuarbeiten. Versucht er, sich selber frei zu machen von zu vielen Regeln. In dieser Bandbreite zwischen dem einen und dem anderen gibt es die Möglichkeit, zur Abstraktion zu finden, die - und das ist eigentlich etwas, das ich hier besonders betonen möchte - letztlich im Grunde doch ganz real ist. Normalerweise ist es ja so, dass man Abstraktion so versteht, dass sie als gegenständlich definiert wird. Bei Hirns Bildern ist interessant, dass die Abstraktion durch die Realität der Farbe ausgelöscht wird. Durch die Realität des Materials, durch die Realität des Arbeitsprozesses und durch die Gegenwart all dieser Dinge, die dann zu dem kommen, was ich als Zweites genannt habe, nämlich die Schönheit.

Hirn sagte mir, dass er eigentlich altmodisch sei, und dass er die Schönheit und das Ästhetische suche. Das ist in der heutigen, in der zeitgenössischen Kunst nicht mehr so selbstverständlich, weil neben der Frage der Konstruktion des Bildes, neben der Frage von ästhetischen Parametern auch immer ein Teil von Provokation in ihr mit drin steckt. Eine Provokation, die sozusagen die Finger in die Wunde legt. Gesellschaftlich, politisch, ästhetisch und wie auch immer. Und es ist interessant zu sehen, dass jemand diesem Pfad ohne abzuweichen gefolgt ist. Und wenn man sieht, wie es Hirn gelingt, bei dieser – nochmal - bei dieser quasi Einschränkung der bildnerischen Grammatik gleichzeitig diese Fülle von ästhetischem Vokabular zu entdecken, dann kann man das nur mit Respekt sehen und dem Künstler wünschen, dass er diese Intensität in den nächsten Jahren beibehält und das Bild auch vielleicht weiter entwickelt, in ein größeres Format, weil darin besondere Chancen liegen für diese Art von Malerei. So kann sich in dem größeren Format sicher das weiter entwickeln, was in den kleineren Bildern in wunderbarer Weise angelegt ist. Beides, ästhetische Ruhe und Unruhe, wie Hirn selbst ist, aber diese Unruhe ist gebändigt.

Als ich so durch die Ausstellung gegangen bin und mir die einzelnen Bilder angeschaut habe, ist mir aufgefallen, dass insgesamt alle einer gleichen Familie angehören und gleichzeitig unglaublich individuell sind, wie das eben in Familien so der Fall ist.

Ich kann nur sagen, ich freue mich, dass es einen Künstler von diesem Kaliber in Vorarlberg gibt, und dass auch jemand bewiesen hat, dass man als Künstler nicht einfach nur Eintagsfliege ist, sondern eine Kontinuität wahrt und sich auch nicht beirren lässt und sich selbst vertraut. Und dass jemand die Auseinandersetzung sucht in dieser mörderischen Vielfalt von künstlerischer Konkurrenz. I

ch wünsche Ihnen, lieber Gerold Hirn, auf jeden Fall für viele nächsten Jahre Freude und Erfüllung beim Malen. Denn das habe ich begriffen: Sie haben richtig Spaß bei ihrer malerischen Tätigkeit und das sieht man Ihren Bildern an.

 

 

Eckhard Schneider, Direktor des Kunsthauses Bregenz, seit Oktober Generaldirektor des Pinchuk Art Center Kiev.

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