Christian Mähr
Über die Farbe

Im Kunstband „Ex tempore“ über Gerold Hirn finden sich in den Textbeiträgen oft Hinweise auf die besondere „Materialität“ seiner Arbeitsweise – das stofflich Dingliche ist ihm wichtig und essentielles Merkmal seiner Kunst. Jedenfalls habe ich das so verstanden. Und ganz daneben liegen kann ich damit nicht, denn das stofflich Dingliche überfällt jeden, der sein Atelier betritt, als massive Dunstglocke organischer Lösungsmittel, die dort freigebig in die Atmosphäre des Arbeitsraumes emittiert werden. Wenn dort eine kalifornische Sonne hineinschiene, ergäbe das einen Los Angeles-Smog, wie man ihn in Los Angeles selber noch nie gerochen hat. Aber in Tosters scheint keine kalifornische Sonne, zum Glück.

All diese Dünste und Dämpfe waren aber vorher flüssig und dienen dazu, die Farbe auf den Untergrund aufzubringen. Ich will mich also hier mit dem Dauerhaften befassen, mit dem, was im Wortsinne „haften“ bleibt: mit der Farbe. Schöne Farben zu sehen war im Mittelalter ein „Kunststück“. Man musste in eine Kirche gehen und sich etwas Gemaltes anschauen. Oder sich irgendwie Zugang zu einem Fest oder Turnier beschaffen – dann konnte man gefärbte Gewänder bestaunen. Der Alltag gab nichts Buntes her. Farben waren teuer und selten. Die Allgemeinheit lief eher düster herum. Grau, braun. Ein farbiger Mensch erschien von weitem als begütert oder besonders, meistens saß er auch auf einem Ross. Man wusste gleich, wie man dran war. Heute, da die halbe Welt eine blaue Hose anhat, muss man viel genauer hinschauen und die Marken unterscheiden. Oder darauf warten, bis die einzuschätzende Person in einen Porsche steigt. Oder halt in einen Dacia…

Warum die Farbe als solche kein soziales Distinktionsmerkmal mehr ist, liegt auf der Hand: Die Eliten suchen sich dazu immer das Besondere. Die Farbe ist es nicht mehr. Die Farbe ist ubiquitär. Sie ist laut geworden. Die schreit uns vom Dritte-Welt-billig-T-Shirt an wie von der Leinwand des Meisters (wenn der sie schreien lassen will). Die Künstler- wie die Textilfarbe kommen alle aus demselben Ort: aus der Fabrik.

Aber wie sind sie dort reingekommen?

Die Geschichte beginnt 1856.

Der achtzehnjährige William Perkin studiert am Royal College of Chemistry in London, das erst elf Jahre vorher von Königin Victoria und Prinzgemahl Albert gegründet worden war. Perkins Chef, der deutsche Chemiker August Wilhelm Hofmann, gab dem jungen Chemiker eine besondere Aufgabe: Er soll Chinin herstellen. Das kommt in der Rinde eines tropischen Baumes natürlich vor, man kann damit die Malaria behandeln. Die Briten brauchen dieses Mittel zur Verwaltung ihres Weltreichs in rauen Mengen, denn wer täglich ein bisschen davon einnimmt, bleibt von der Malaria verschont. Mit dem Nachschub der „Antifieberrinde“ hat es immer schon gehapert. Der Chinarindenbaum wächst höchst zerstreut in Hochlagen der Anden. Für ganz Indien, hatten sich die Briten ausgerechnet, bräuchte man 7.500 Tonnen dieser Rinde. Denn wenn auch viele die Malaria überleben, sind die chronisch krank und nicht leistungsfähig. Chinin aus heimischer Produktion – das wäre der Hammer gewesen!

Nun wusste man über Chinin nur, dass es 20 Atome Kohlenstoff, 24 Atome Wasserstoff, 2 Atome Stickstoff und 2 Atome Sauerstoff enthielt.

C20H24N2O2

Wie diese Atome innerlich zusammenhingen, wusste man nicht, die „Formel“ war also unbekannt, aber dem Professor Hofmann war aufgefallen, dass Allyltoluidin, ein Verwandter des Anilins, gerade halb so viele Kohlenstoff- und halb so viele Stickstoffatome aufwies, nämlich zehn und eines. Beim Wasserstoff stimmte es nicht ganz: Da waren zwei Wasserstoffe zu viel – aber violeleicht ließen die sich ja als Wasser abspalten. Sauerstoff kam im Allyltoluidin nicht vor. Das sollte aber kein Problem sein. Wenn wo der Sauerstoff fehlt, stopft man ihn halt hinein: Man oxidiert. Das sähe dann so aus:

2 mal C10H13N + 3 O ergibt C20H24N2O2 + H2O
Allyltoluidin       Chinin

Der junge Perkin machte sich in den Osterferien 1856 ans Werk. Er wohnte in einem kleinen Apartment in der Cable Street im Londoner East End. Er setzte Allyltoluidin mit Kaliumdichromat um, einem Salz der Chromsäure. Die gibt bereitwillig Sauerstoff an oxidierbare Partner ab.

Er erhielt eine braune Masse. Schon schlecht, denn Chinin ist ein weißes Pulver. Perkin ließ sich dadurch nicht entmutigen. Das Toluidin hatte ja reagiert; es war also nicht nichts passiert. Er versuchte es jetzt mit einem einfacheren Molekül, mit Anilin selber. Herauskam eine - schwarze Masse. Statt den Dreck wegzuschütten, trocknet Perkin die Substanz und löst sie in Alkohol.

Magischer Augenblick: Die Lösung wird wunderschön lila. Mit der Seidenbluse seiner Schwester unternimmt er sofort einen Färbeversuch: Die Farbe bleibt an der Faser haften, sie lässt sich nicht auswaschen, nicht ausbleichen: Er nannte diese Farbe, die erste synthetische der Geschichte, Anilinpurpur. Später setzte sich der Name Mauvein durch, von mauve – malvenfarben.

Was tut jetzt der junge Perkin? Sicher meldet er die Entdeckung dem Professor Hofmann? Oh nein! Sondern stellt mit seinem Bruder weitere Proben her und schickt sie an schottische Färbereibesitzer. Die sind von der Farbe äußerst angetan. Perkin lässt sich im August seine Erfindung patentieren, leiht Geld und gründet mit Vater und Bruder die Fa. „Perkin & sons“, die in der Folge Mauvein herstellt. William Perkin wird reich. Und ein bedeutender Chemiker, ganz abgesehen von seiner Farbe. Die „Perkin-Reaktion“, von ihm entdeckt, wird noch heute in der organischen Chemie genutzt. Aus Benzaldehyd und Acetanhydrid macht man zum Beispiel Zimtsäure. Die Reaktion funktioniert auch sehr gut, jedenfalls die Variante, die ich im organischen Praktikum ausprobieren durfte – danach roch alles tagelang nach Zimt. Der Labormantel, die Kleidung, ich selber … nicht alles, was „Chemie“ heißt, muss stinken!

Die Karwoche vor dem 23. März des Jahres 1856 war deshalb so bedeutsam, weil der junge William Perkin bewies, worauf es in der Forschung ankommt: Er verließ die ausgefahrenen Geleise. Man nennt das „Querdenken“, ein Abbiegen in eine neue, nicht aus dem Bekannten ableitbare Richtung. Die Chininsynthese hat nicht funktioniert, sei´s drum. Kein Thema mehr. Funktioniert hat etwas anderes. Thema ist etwas anderes: die Möglichkeiten der Reaktion.

Das Mauvein erlebte eine kurze Blüte als Modefarbe und verschwand dann im Farbenrausch der Teerfarbenchemie. Reich wurde Perkin trotzdem. Er starb hochgeehrt (und geadelt) 1907. Mit seiner Erfindung macht sich der Mensch unabhängig von teuren Naturstoffen, die schwierig zu gewinnen sind und in weit entfernten Ländern wachsen. Denn der Ausgangsstoff Anilin kommt im Steinkohlenteer vor - und davon hatte Großbritannien mehr als genug.

Aber das ist Wirtschaftsgeschichte und hier sekundär. Das Abbiegen in neue Richtungen, das Begehen neuer Pfade – darauf kommt es eben nicht nur in der Forschung an. Ist es nicht das, was letzten Endes die Kunst ausmacht? Jede Kunst? Das bleibt uns doch als Konstante, auch wenn die Farbe heute aus der Fabrik kommt und nicht mehr aus einer seltenen Muschel im Mittelmeer, einem tropischen Gewächs oder zerriebenem, seltenem Mineral.

Christian Mähr, studierter Chemiker, ehemaliger Wissenschaftsredakteur beim ORF, Schriftsteller, zahlreiche Romane, Sachbücher und Hörspiele, lebt in Dornbirn.

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