Beate Ermakora
Additative Reihung, ornamentaler Rapport

Gerold Hirns immenses Werk, das er seit den 60er Jahren, in denen er als autodidaktischer Quereinsteiger begonnen hat, kontinuierlich ausbaut, weist unterschiedliche Schaffensperioden auf. Die meist ueber Jahre hinweg angereicherten Werkkomplexe zeugen von urspruenglicher Experimentierfreudigkeit, von einem nicht Innehaltenwollen bei einmal gefundenen und erprobten Techniken und Ausdrucksmitteln. ƒhnlich spielerisch wie ein Kind, dessen sinnliche Aufnahme der Welt bedeutend groesser ist, als die logisch rationale durchlaeuft er das Sujet der heutigen Malerei. Dabei geht es dem Kuenstler nicht um ein Ueberpruefen und Ausloten seiner Disziplin hinsichtlich ihrer eventuellen gesellschaftlichen Bedeutung. Fernab liegt ihm eine programmatische, aufklaererische Haltung, die den Kunstmarkt zu durchleuchten und Nischen fuer noch nie Dagewesenes zu entdecken sucht. In diesem Sinne begreift Gerold Hirn denn auch die Farbsubstanzen weniger als ‹berbringer von Botschaften und Inhalten, sondern wendet sich direkt ihren Materialeigenschaften zu. Die in den Arbeiten wahrnehmbare Begrenzung energetischer Prozesse auf den Bereich der Physis kulminiert im Moment des Malaktes an sich. Ihm gilt es, Unmittelbarkeit abzuringen, ueber ihn wird es moeglich, sich mit allen Sensorien im Jetzt zu befinden. Dargestellt, gemalt auf Leinwand, offenbart sich dies nicht mit dem Mittel farbtheoretischer Analysen, sondern viel klarer lesbar durch die Gegenueberstellung dualistischer, dynamischer Vorgaenge. Perfekt setzt Hirn hierbei Erfahrungen und Techniken der Malerei wie Lasur, Raumtiefe, Komposition, Farbwirkung, um nur einige zu nennen, in seinen neuesten, umfangreichen Bildserien ein. Ohne Konzentrationsversuche, Lebendigkeit in einem einzelnen Bild einzufangen, zeugen die Werke in ihrer Gesamtheit von einer vitalen Vielfaeltigkeit, die ihresgleichen sucht.
Sie sind zunaechst gekennzeichnet von scheinbarer Stille, einer Strenge der Formen und ihrer Anordnung, sowie durch eine geglaettete Malweise. Mit feinem Gespuer fuer Farbvaleurs und spannungsvolle Flaechenfuellung ueberziehen geometrische Raster, vegetabile Muster und graphische Kuerzel die Leinwaende. Sie ueberlagern und durchdringen sich in unzaehligen Schichten. Im Widerstreit der Grundelemente behaelt einmal das eine, ein andermal das andere die Oberhand. Sie koennen aber auch gleichwertig nebeneinander stehen, wodurch ihre divergente Beschaffenheit staerker zum Tragen kommt. Farb- und Formsetzung suggerieren raeumliche Tiefe. Gegensaetzlichkeiten, ihr In- und Nebeneinander werden mitunter ueber optisch-haptische Qualitaeten, wie es etwa Glanz und Mattheit sind, unterstrichen. Zusaetzlich geschieht es da und dort, dass die Maloberflaechen real aufbrechen. Es konstituieren sich amorphe Formen, die den Eindruck allmaehlicher, moeglicher Aufloesung bestehender Strukturen vermitteln. Sie sind nicht nur weitere Gestaltelemente, sondern geben den unverstellten Blick auf darunter befindliche Malschichten frei. In den Gruenden, aus denen heraus sich die Bilder entwickeln und aufbauen, treffen wir meist auf einen anders gearteten malerischen Duktus. Die gewisse Klarheit und stimmungsvolle Ruhe des Endproduktes birgt und verbirgt expressive, draengende Unruhe. Hirn reizt hier sein malerisches Koennen aus, in das Experimente mit der Technik der Frottage einfliessen. Es sind Arbeiten, die sich aus der Wiederholung kleinster Details kreieren. In ungeahntem Variationsreichtum scheinen sie sich fast automatisiert selbst weiterzutragen. Dadurch entwickeln sich jeweils neue, ungegenstaendliche Motive, die je nach ihrem innerbildlichen Bezug eine andere Gefuehlslage im Betrachter hervorrufen und ansprechen koennen. Von Haus aus ein beweglicher, kombinatorischer Geist und aufmerksamer Beobachter besitzt Gerold Hirn ueber die Massen die Faehigkeit, Verknuepfungen herzustellen. Ja er selbst ist bereits personifiziertes Modell eines innovationstraechtigen Vernetzungsgedankens; seine juengste kuenstlerische Arbeit vielschichtiges, metaphorisches Pendant. In ihr teilen sich die Kategorien von Austausch und Kommunikation im Sinne von Bereicherung umso differenzierter mit, je unvermuteter fremde Bausteine in einem, auf festen Konstruktionsprinzipien basierenden Gemaelde auftauchen. Hat Hirn in vorhergehenden Werkgruppen Vertiefung ueber Zentrierung zu erreichen versucht, so vermittelt sie sich nun intensiver fast nebenbei: zu sehen in jenen entschiedenen Werken, in denen additative Reihung und ornamentaler Rapport unterlaufen und gestoert werden. Das System wird mit unwaegbarer Lebendigkeit aufgeladen, ein aesthetischer Neuansatz hat wiederum seine Wurzeln und die darin begruendeten Erlebnisqualitaeten aufgespuert.

Beate Ermakora, Studium der Kunstgeschichte und der europäischen Ethnologie, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Frankfurter Kunstverein und Schirn-Kunsthalle, Direktorin der Kunsthalle Kiel, der Krefelder Kunstmuseen und des Kunstmuseum in der alten Post in Mühlheim an der Ruhr. Nunmehr Leiterin der Galerie im Taxis-Palais, Innsbruck. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und Rezessionen in Kunstzeitschriften, lebt in Innsbruck.

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